Zur Vorgeschichte Mariendorfs
und seiner Kirche

Vom Bau der Dorfkirche
Der alte Altar
Die alte Kanzel und der Taufstein
Die historische Glocke
Die Orgeln der Kirche vor 1955
Unsere Dorfkirche nach Kriegsende
Die Totalrenovation
Das Grab in der Kirche
Unsere Dorfkirche heute
Die neugestaltete Vorhalle
Das Glockenspiel
Herausgeber

 

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Zur Vorgeschichte Mariendorfs und seiner Kirche

Der Boden, auf welchem Mariendorf liegt, war schon in grauer Vorzeit germanisches Land. Die Altertumsfunde aus der Steinzeit, der Bronze- und Eisenzeit geben Zeugnis von der Besiedlung unserer Heimat und aus dem Leben in längst vergangenen Tagen. Germanische Familien hatten sich hier vor Jahrtausenden angesiedelt. Reste ihrer Kulturen wurden auf der Marienhöhe und in Tempelhof gefunden. In den Stürmen der Völkerwanderung (um 375) kamen auch Stämme unserer Heimat ins Wandern und zogen nach Westen. Um 500 rückte ein slawisches Volk, Wenden genannt, in unsere damals halb entvölkerte Gegend. Sie lebten in Runddörfern eng zusammen, von Seen, Sümpfen und Bruchland umgeben. Eine Anzahl kleiner Pfuhle ist ja noch heute vorhanden und als Überrest des einstmals zusammenhängenden Wasser- und Sumpfgebietes anzusehen.
Der heutige "Mariendorfer Damm" trägt seinen Namen mit Recht, denn er ist ein künstlich angelegter Hochweg, der eine Kette solcher Niederungen durchschneidet, die wir noch heute in den Wasseransammlungen nördlich der Britzer Straße, im Volkspark, auf dem Gelände des Gaswerks und in der Nähe des S-Bahnhofs Südende finden.
Erst im 12. Jahrhundert setzte die gewaltige Kolonisationsbewegung auch in unserer Heimat ein. Die Ritter- und Mönchsorden begannen ihre weitausgreifende Arbeit, die immer um zwei Ziele kreiste: Evangelisation und Zivilisation. Sie predigten das Evangelium, errichteten immer mehr und festere Stützpunkte und zeigten den Wenden, wie man den Kampf gegen Wasser und Sand aufnimmt und in planmäßiger Arbeit auch dem kargen, märkischen Sandboden reichen Ertrag abringen kann.
Die Tempelritter gehörten zu jenen Ritterorden, die in den Kreuzzügen des 12. und 13. Jahrhunderts sich die Aufgabe gestellt hatten, das Heilige Land von den Ungläubigen zu befreien und die heiligen Stätten des Christentums zu beschützen und zu bewahren. Der Tempelritterorden wurde um 1130 in Jerusalem gegründet und erhielt seinen Namen von den ihm an der Ostseite des Tempels geschenkten Gebäuden. Die ritterliche Kleidung bestand aus einem weißen Mantel mit dem achtspitzigen roten Kreuz. Die Ritter unterwarfen sich den mönchischen Gelübden der Besitzlosigkeit, der Ehelosigkeit, des Gehorsams und sicherten Land und Wege für die Pilgerzüge.
Während die ersten Klöster in unserer weiteren brandenburgischen Heimat von dem Mönchsorden der Zisterzienser gegründet wurden, gingen hier in unserer Gegend die Tempelritter vornehmlich als Kolonisatoren ans Werk. Es ist anzunehmen, daß etwa um das Jahr 1200 die Templer hier schon Stützpunkte gebaut haben und dann erst später die eigentlichen Kirchen oftmals in Bauabschnitten angefügt wurden. Einen solchen Stützpunkt nannten sie einen "Tempel-Hof", bestehend aus feldsteinernen Mauern als Kern einer solchen Befestigungsanlage -durch Wall und Wassergraben geschützt, inmitten eines Sumpfgebietes, so entstand "Alt-Tempelhof".

Sehr bald baute man nach Süden hin weitere Stützpunkte: Marienfelde und Mariendorf (oftmals auch Margendorf genannt).
Die Überlieferung berichtet uns, daß der Orden der Tempelritter, der unser Dorf zu gründen half, nach einer Zeit von nur 200 Jahren von König Philipp IV. und Papst Clemens V. als ketzerisch verboten und im Jahre 1312 völlig aufgelöst wurde. Zu dieser Zeit regierte in Brandenburg derAskanische Markgraf Waldemar der Große. Auch er mußte in seinem Lande die päpstlichen Bestimmungen durchführen, und so zog er das ganze Ordensgebiet der Templer ein und übergab es auf päpstlichen Beschluß im Jahre 1318 den Johanniterrittern. Auf unserem heimatlichen Boden siedelten die Ritter deutsche Bauern als Kolonisten an und teilten die bäuerlichen Gemarkungen auf. Unser Mariendorf wurde planmäßig ein märkisches Auendorf rund um den Tempelstützpunkt angelegt. Zu beiden Seiten einer breiten sich an beiden Seiten verjüngenden Dorfaue mit einem Teich befanden sich Fahrwege. An diesen lagen die Höfe in langer offener Reihe rechtwinklig zur Dorfstraße hin in schmalen Landstreifen. Die Bauernhäuserwaren schlichte, hölzerne Bauwerke, die mit ihren Giebeln auf die Dorfaue schauten. Gleich hinter dem Gehöft erstreckten sich der Garten, die Wiesen und Äcker, die dann in das Ödland von Bruch und Moor übergingen. Etwa in der Mitte des Dorfes erbaute man später die Dorfschmiede. Für das Trinkwasser sorgten zwei Ziehbrunnen an je einem Ende der Dorfaue. Das war also wirklich "Alt-Mariendorf", und diese Straßenbenennung wird der Geschichte unserer Gemeinde durchaus gerecht.

Vom Bau der Dorfkirche

Vor dem 13. Jahrhundert ist von unseren Berliner Dorfkirchen keine urkundlich nachzuweisen! Irgendwelche verbürgten Nachrichten über Gründungsdaten sind nicht auffindbar. Nach verschiedenen Überzeugungen müssen wir den Baubeginn unserer Dorfkirche im ersten Drittel des 13. Jahrhunderts annehmen.
Etwa um die Jahre 1220 bis 1230 begannen fromme Kolonisten die schweren Granitquadersteine ringsherum von den Äckern zum Bau ihrer Kirche zu sammeln. In Urzeiten von Eis und Schnee bewegt, aus dem Norden kommend, bedecken diese Granitsteine noch heute die Erde der Mark Brandenburg. Mühsam zusammengetragen häuften sie die Findlinge inmitten des Dorfangers und seitlich an der das Dorf durchschneidenden Straße an.
Die Dorfkirchen zu Marienfelde und Mariendorf gehören zweifellos zu den ältesten und hervorragendsten Beispielen der Mittelmark-bewundernswert in den edlen äußeren Maßen und in den Jahrhunderten nicht allzu merklich verändert.

Im Grundriß: die klassische lateinische Kreuzform ohne Querschiff, verbunden mit der viergegliederten sogenannten .vollständigen Anlage', das heißt von Osten her baut sich die Apsis mit dem sich verbreiternden Chorraum auf, das rechteckige Langschiff wird vom Turmgebäude abgeschlossen. Die Achse der Kirche ist nach Osten in Richtung auf das Heilige Land orientiert', wie bei fast allen mittelalterlichen Gotteshäusern.
In der Außenansicht scheint es, als ob bei einem Spielzeugwürfel aus dem Turm das Schiff, aus dem Schiff der Chorraum und aus diesem die Apsis herausgezogen sei - aber immer ist der Turm der plastische Höhepunkt und damit der Blickfang. Der Grundriß unserer Kirche ist bis heute unverändert geblieben, der eigentliche Kirchenraum hat eine Länge von fast 20 Metern, seine Höhe beträgt ca. fünf Meter. Lediglich der Sakristeianbau ist eine Zutat des 19. Jahrhunderts, ihm opferte man die beiden einzigen vom Ursprung der Kirche erhaltenen Fensternischen an der Nordseite des Chorraums; sie wurden zugemauert!
Fast 800 Jahre steht nun unsere Dorfkirche. Festgefügt haben die bis 185 cm dicken Feldsteinmauern mit ihren dunkelfarbigen Flächen aus gespaltenen Findlingen allen Unbilden der Zeit getrotzt. Durch den hellen Fugenausstrich wirken sie wie ein Mosaik, durchbrochen von den Öffnungen der schmalen, hoch angesetzten Fenster, rundbogig wie das Turmportal in den wohltuenden Formen des Halbkreises als Zeichen des romanischen Baustils auf märkischem Boden. Die saubere Bearbeitung und Spaltung der Granitblöcke zu gradseitigen Bausteinen erweckt noch heute die Bewunderung der Fachleute. Zum Äußeren der Kirche müssen wir uns den ursprünglichen Turm ab Höhe des Langhauses breit und wuchtig in Feldstein mit einem Satteldach vorstellen wie die Türme in Marienfelde oder Alt-Buckow.
Die einzige weithin sichtbare Veränderung an der Urform unserer Kirche ist der barocke Turmaufsatz. In den Annalen ist auch von einem Brand am Kirchturm die Rede. Fest steht, daß der Magistrat von Berlin im Jahre 1737 auf dem Feldsteinsockel einen hölzernen Turmaufbau mit der Glockenstube und dem wunderschönen barocken, kupferverkleideten, spitzen Helm errichten ließ. Ein Mitglied des Magistrats, der Hofrat und Bürgermeister Johann Christian Lesmann "hatte die besondere Besorgung des Turmbaus". In einer Aufzeichnung des Pfarrers Klette um 1840 finden sich die Worte! "Da unser Kirchturm in seiner Höhe sich von allen anderen benachbarten Dorfkirchtürmen auszeichnet und er allein nach seiner Größe und Dreiteilung in die Augen fällt, so wurde beschlossen, zur Verschönerung desselben den Knopf, die Fahne und den Stern vergolden zu lassen. Dies ist auch geschehen mit einem Kostenaufwand von 32 Talern, wozu für Abnahme und Wiederaufsetzen noch 3 Taler kamen. Der Patron trug die Hälfte der Kosten - der Rest wurde durch freiwillige Spenden aus der Gemeinde beglichen ..." Die Wetterfahne zeigt außer dem Berliner Bären und einem Drachenkopf die Jahreszahl 1737, die aber mit bloßem Auge kaum erkennbar ist. Aus dieser Zeit stammt auch das barocke Zifferblatt der Turmuhr mit den vergoldeten Zeigern. Noch nach dem Ersten Weltkrieg mußten die mehrere Zentner schweren Gewichte für den Gang der Turmuhr und den Stundenschlag wöchentlich per Hand aufgezogen werden.

Wie bei allen mittelalterlichen Kirchen forderte die Zeit des Barock auch bei unserem Kirchlein anstelle der schmalen Fensterlaibungen größeren Tageslichteinfall - so sind unsere heutigen vergrößerten Fenster im Schiff und an der Südseite des Chorraums auch aus dem ersten Drittel des 18. Jahrhunderts anzunehmen. Ältere Kenner unserer Dorfkirche werden sich erinnern, daß man von der Nordseite nur durch eine schmale gotisierte Tür in die Kirche gelangte, denn das Hauptportal, wie wir es heute benutzen, war verschlossen und die Kirchenvorhalle zum Innenraum zugemauert! Da dieser sichere Verschluß der Kirchenvorhalle auch in Buckow, Wartenberg (nahe Weißensee) und Waltersdorf ebenfalls vorzufinden war, ist mit Sicherheit anzunehmen, daß in einer dieser Kirchen herabstürzende Uhrgewichte oder eine schwingende Glocke die Vorhallendecke durchschlug und Schaden anrichtete.

   
 Wetterfahne von .1737  Schriftprobe aus dem Traubuch von 1609



Die Kirche diente ausschließlich dem Gottesdienst! Es mag vorgekommen sein, daß sich die Dorfbewohner hin und wieder einmal bei Gefahr in die Kirche retteten, aber wie oft angenommen - eine Wehrkirche ist unsere Dorfkirche nie gewesen. Dazu war sie nicht nur ungeeignet, es war auch verboten, eine Kirche zu Kriegszwecken zu benutzen. Eine bei Wehrkirchen immer vorhandene Wasserzisterne und der Wehrgang waren in unserer Kirche nie vorhanden. Die oft erwähnten kleinen vorbarocken Fensteröffnungen sind Merkmale des Stils jener Zeit, sie waren niemals Schießscharten.

Von der Vorstellung, daß alle Augenblicke heißer Teer durch die Fenster auf die Köpfe von Belagerern gegossen wurde, müssen wir uns freimachen!
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts - ein Balken an der Westseite der Kirche soll früher die Zahl 1588 getragen haben - riß man die alte flache Balkendecke ab und baute stattdessen das uns bekannte Kreuzgewölbe ein. Zu diesem Zweck wurden im Jahre 1588 drei Pfeiler in die Mitte des Kirchenschiffes gesetzt, die wir heute so oft als störend und den freien Blick zum Altar hemmend empfinden. Ein Jahr später, 1589, stiftete der Patron der Kirche - also der Rat der Stadt zu Berlin-Cölln - zwei große, halbrunde Fenster für die Südwand des Chorraums, die sein Wappen und die Jahreszahl trugen.

Der alte Altar

Während des 30jährigen Krieges erhielt die Kirche einen kostbaren geschnitzten Altar. Er wurde zum schönsten Schmuck der Kirche. Auch erwar ein Patronatsgeschenk des Magistrats, denn die kleine Gemeinde mit damals 160 Seelen hätte sich ein so kostbares Kunstwerk nicht leisten können. Anno 1626 wurde dieser Altar aufgestellt, und es ist eigentlich ein Wunder, daß er nicht nur die Stürme des 30jährigen Krieges gut überstanden hatte, sondern auch in späteren Kriegen vor Zerstörung bewahrt blieb.
Der Altar war so groß, daß er die halbrunde Altarnische (Apsis) in der Höhe ganz und in der Breite fast vollständig ausfüllte, so daß rechts und links nur ein schmaler Gang für die damals üblichen Altarumgänge blieb.
Der untere Teil des Altars, also unmittelbar auf der Fläche des Altartisches, die sogenannte Predella, stellte als Sockelgemälde die Szene des heiligen Abendmahls dar. Darüber erhob sich das schmale und recht hohe Mittelstück - die Kreuzigung, in der Mitte hoch aufragend das Kreuz des Heilands, rechts und links begrenzt durch die Kreuze der beiden Schacher. Zwei Gestalten, der Lieblingsjünger Johannes und die Mutter Maria, schauen schmerzerfüllt zum Gekreuzigten empor. Der Blick des Beschauers geht rechts und links am Kreuzesstamm vorbei in den weiten Hintergrund, der die judäische Landschaft darstellt; sie wird durch ein halbkreisförmiges Spruchband begrenzt, das die Worte trägt:
"Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde." Dieses Mittelstück des Altars wurde von zwei Säulen flankiert, deren Kapitelle treppenartig vorsprangen. Vor jeder Säule rechts und links von der Kreuzigungsgruppe stand je eine Engelsgestalt mit Marterwerkzeugen; die rechte hielt den Ysopstab mit dem Schwamm, die linke die Martersäule, an die der Verurteilte gebunden wurde, um gegeißelt zu werden. Die Bekrönung des ganzen Altaraufbaus ist die Darstellung des siegenden Christus, der das Kreuz als Siegeszeichen tragend, von einem weitvorspringenden Podest aus die Himmelfahrt antritt.

 

Altar von 1626



Dieser kostbare Altar, das wertvollste und schönste Kunstwerk unserer Dorfkirche, die so viele Kriege und Wirren überstanden hatte, ist doch den Schrecken des 2.Weltkrieges zum Opfer gefallen. Als die Gefahr der Bombennächte immer bedrohlicher geworden war, hatte man den Altar sorgfältig zerlegt und in Einzelteilen in Kisten verpackt, die an einen vermeintlich sicheren Ort verlagert wurden. Nach Ende des Krieges, als so manches Kunstwerk wieder das Tageslicht erblickte, blieben alle unsere Bemühungen, unserem Altar wiederzufinden, vergeblich.

Die alte Kanzel und der Taufstein

Schon um die Jahrhundertwende beobachtete man Zerstörungen durch Wurmfraß an der barocken Kanzel. Im Jahre 1714 entstanden, mit zierlichem Schnitzwerk und liebreizenden Engelsköpfchen bestückt, konnte nach fachlicher Untersuchung dieses Schmuckstück an der rechten Ecke des Langschiffs nicht gerettet werden. Auch der Renaissancetaufstein, der seinen Platz nur 80cm vor der ersten Säule hatte, war so stark beschädigt, daß eine Restaurierung nicht mehr möglich war.

Die historische Glocke

Aus dem Jahre 1480 stammt unsere Läuteglocke, die eine der ältesten Berlins und uns wegen ihres historischen Wertes erhalten geblieben ist. Mit dem Schlagton b' läutet sie zu den Gottesdiensten, als Gebetsglocke morgens, mittags und abends und zu den kirchlichen Amtshandlungen. Bei Bestattungsfeiern begleitet ihr Klang unsere Heimgegangenen auf ihrem letzten Wege auf dem Kirchhof in der Friedenstraße. Die in gotischen Minuskeln lautende Inschrift auf dem Glockenmantel lautet:

REX GLORIAE CRE
VENI CUM PACE
ANNO MCCCCLXXX



König der Herrlichkeit Christe
Komm in Frieden
Im Jahre des Herrn 1480


Diese Inschrift ist durch Verzierungen unterbrochen, die daraufhinweisen, daß Kirche und Dorf Mariendorf einst Eigentum des Tempelritterund später des Johanniterordens gewesen waren. Am Anfang und Ende der Inschrift erkennt man das Glockengießerzeichen in Form eines Medaillons und andeutungsweise eine Darstellung der "Maria mit dem Kinde". Eine von Bachmann gegossene zweite Glocke mit dem Ton f wurde zu Kriegszwecken abgeliefert; an ihrer Stelle hängt jetzt eine klanglich schwächliche Glocke aus dem Jahr 1800 von Gustav Collier aus Zehlendorf mit dem Schlagton des", deren Umguß bzw. Klangverbesserung zwar geplant, jedoch nie zustande kam.
Die Bemühungen der Gemeinde um eine fachgerechte Restauration unserer baugeschichtlich wertvollen Kirche sind bis in die Mitte des vorigen Jahrhunderts nachzuweisen; es war sogar von einer Entfernung des alten barocken Altaraufsatzes die Rede - man wollte die Kirche modernisieren! Der damalige Konservator konnte aber die Gemeinde vom hohen künstlerischen Wert und einer gewissen Einmaligkeit dieses Kunstwerks auf märkischem Boden überzeugen. In den 20er Jahren erhielt der Kirchenmaler Sandfort den Auftrag, unsere Kirche durch Farbanstrich dem Zeitgeschmack anzupassen. Die im vorigen Jahrhundert an der Nord- und Westseite eingebauten Emporen mit Klappsitzen waren wegen Platzmangels praktisch notwendig geworden und boten nun mit ihren Außenflächen zum Kirchenraum hin der Anbringung von Bibelsprüchen viel Raum, wie denn überhaupt Stilfragen nur eine untergeordnete Rolle gespielt haben. Das hölzerne Kastengestühl, an den Seiten und um die drei Säulen aufgestellt, hinderte vielen Besuchern der Kirche den freien Blick zum Altar, was gerade bei den Konfirmationen oftmals Ärger erregte.

 
 Bronzeglocke von 1480


Die Orgeln der Kirche vor 1955

Erst im Jahr 1846 ist von einer Orgel die Rede. Der Orgelbaumeister Gottlieb Heise in Potsdam baute für unsere Kirche ein kleines Orgelpositiv ohne Pedal, das fraglos im Chorraum der Kirche aufgestellt wurde, denn Emporen gab es damals noch nicht. Über 50 Jahre hat dieses Instrument der Gemeinde gedient, denn 1890 erhielt die Orgelbauanstalt Gebr. Dinse in Berlin SO, Dresdener Straße, den Auftrag, auf der Südseite der Westempore direkt auf die Emporenbrüstung ein pneumatisches Werk zu bauen, aber schon im Jahre 1908 schien diese Orgel nicht mehr zu befriedigen. Sicherlich wegen allzu romantischer Dispositionswünsche lehnte Wilhelm Sauer in Frankfurt/Oder den Bau einer Orgel für unsere Dorfkirche ab - hatte er doch durch die berühmten Orgeln in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, der Domorgel und anderen Monumentalwerken bereits Weltruf! So erhielt die Firma Grüneberg in Stettin den Auftrag für eine 17stimmige Orgel, die aber gerade zur Begleitung für die Liturgie genügen konnte; dieses Instrument blieb auch nach dem Krieg erhalten; irgendwelche Orgelliteratur war auch wegen der schleppenden Pneumatik nicht darstellbar.

Unsere Dorfkirche nach Kriegsende

Nach Ende des 2.Weltkrieges waren an unserer Dorfkirche bis auf fehlende Dachziegel und zertrümmerte Fenster kaum Schäden sichtbar. Betrat man jedoch die Kirche, schlug einem eine kellerartig modrige Luft entgegen. Der Raum wirkte eng, verbaut, bedrückend, der Anstrich war verschmutzt, das Gewölbe zeigte Verwitterungserscheinungen. Der behelfsmäßige eiserne Ofen, der die Luft im Kirchenraum verqualmte, machte mit seinem zum Fenster hinausgeleiteten Abzugsrohr das Bild des Verfalls vollständig.

   
 Orgelprospekt  Innenraum vor 1950


Die weitere Beschäftigung mit dem Kirchengebäude und seiner Geschichte zeigte dann, daß bereits vor dem Kriege im Jahre 1939 an eine Renovierung gedacht und in Zusammenarbeit mit dem damaligen Provinzialkonservator, Walter Peschke, sehr weitreichende Pläne im Sinne der ursprünglichen Formen vorhanden waren. Der Krieg verhinderte nicht nur die Ausführung dieser Pläne, sondern vergrößerte die damals schon vorhandenen Mängel. Durch das undichte Dach und die teilweise leeren Fensterhöhlen hatte das Steingewölbe durch eindringendes Regenwasser stark gelitten. Die behelfsmäßige Heizung nagte an den Fugen des Feldsteingemäuers und machte die Schäden an der Substanz noch größer.
Sobald nach der Währungsreform und der Spaltung unserer Stadt die politischen und finanziellen Verhältnisse es erlaubten, wurden die Bemühungen um die Erhaltung und Pflege des ehrwürdigen Baus der Dorfkirche wieder aufgenommen. Hierbei hatte die Gemeinde einen sehr hilfsbereiten und tatkräftigen Förderer in dem damaligen Provinzialkonservator Prof. Hinnerk Scheper, unter dessen Leitung und künstlerischer Beratung alle Arbeiten ausgeführt wurden. Die erforderlichen Mittel, rund 150000DM, wurden vom Berliner Stadtsynodalverband, dem Berliner Senat und Gariola-Mitteln (eine amerikanische Stiftung) zur Verfügung gestellt und mußten von der Gemeinde im Laufe einer bestimmten Zeit zurückgezahlt werden. Eine wesentliche Stütze war hierbei der im Jahre 1952 unter der Leitung des Kirchenältesten Willi Kraatz gegründete "Kirchliche Bauverein", dem eine große Zahl von Gemeindegliedern angehörte.

Die Totalrenovation

Die ersten noch bescheideneren Arbeiten im Jahre 1951 suchten dem Eindringen weiterer Feuchtigkeit in das Gebäude zu wehren. Schon hierbei zeigte sich, daß eine gründliche Renovierung viele Geldmittel erfordern würde und unter den damaligen Verhältnissen nur abschnittsweise durchgeführt werden könnte! Dabei stellte sich immer wieder die Überlegung ein, ob nicht der Zeitpunkt gekommen wäre, die Pläne der Vorkriegszeit wieder aufzunehmen, Baufehler der Vergangenheit zu bereinigen und dringenden Erfordernissen des gottesdienstlichen Lebens der Gegenwart Rechnung zu tragen. Vor allem war daran gedacht, den engen Nordeingang zu schließen und das ursprüngliche Hauptportal an der Westseite des Turmhauses wieder zu öffnen, um so die alte Vorhalle für die Kirchgänger zu Gottesdienst und Amtshandlungen zurückzugewinnen.
Nachdem im Jahre 1952 der erste größere Bauabschnitt mit der Reparatur des Daches und am schönen Barockturm vom Bauamt des Stadtsynodalverbandes durchgeführt worden war, erwies es sich als ratsam, für die weiteren Arbeiten einen erfahrenen Architekten zu berufen. Im Einvernehmen mit dem Provinzialkonservator und dem kirchlichen Bauamt wurde diese Aufgabe Herrn Regierungsbaumeister Friedrich Mellin angetragen; er war Vorsitzender der Schinkelgesellschaft. Mit feinem Einfühlungsvermögen nahm sich Herr Mellin im Sommer 1953 der ihm übertragenen Aufgabe an und gab der Gemeinde seine Überlegungen zur Kenntnis.

Vor allem galt es, die Bausubstanz zu sichern. Dazu mußten die Fundamente isoliert, der Schwamm beseitigt und aller Holzwurmfraß unschädlich gemacht werden. Als man die barocke Kanzel untersuchte, zeigte es sich, daß sie nicht mehr zu retten war. Auch das Orgelgehäuse mitsamt den Windladen erlitt das gleiche Schicksal. So kam eine Überraschung zur anderen und eine Aufgabe zur nächsten. Vorrangig ging es bei den Restaurationsaktivitäten um die Beseitigung der Feuchtigkeit in den Südwänden und im Fußboden. Bei der Freilegung der Fundamente fand man kleine und große Feldsteine in losem Verbunde so, wie man sie einst in die Erde gelegt hatte, durchzogen von armdicken Wurzeln der die Kirche umgebenden Bäume. In mühseliger Arbeit wurden die Fundamente gereinigt, ummauert und mit einer isolierenden Schicht versehen. Auch im Innenraum mußten die Fundamente freigelegt werden. In ca. zwei Meter Tiefe fanden sich noch menschliche Knochenreste, woraus zu schließen ist, daß bereits vor dem Kirchbau, also gegen Ende des 12. Jahrhunderts, hier ein Begräbnisplatz vorhanden gewesen sein muß! Weiter stellte sich heraus, daß der Steinfußboden der Kirche um ca. 15 cm vor vielen Jahren aufgeschüttet worden war; hierbei entdeckte man die stufenartigen Basen der Säulen auf der Mittelachse.

Das Grab in der Kirche

Eine weitere Überraschung war die Auffindung eines Grabes. Unser beauftragter Architekt, Herr Mellin, teilt in seinem Rechenschaftsbericht mit: "Im Chorraum dicht an der Südwand wurde das Grabgewölbe der Frau von Rosay gefunden, was aber erst durch eine Aktennotiz als solches identifiziert wurde. Unter einem kleinen Backsteingewölbe ruht ein kleiner Sarg, der mit verzinnten Rokokoranken verziert war. Aus Gründen der Pietät wurde der Sarg nicht geöffnet. Mit einer waagerechten Bauplatte wurde die Gruft wieder verschlossen. "In unserem Archiv wurde dann eine entsprechende Aktennotiz gefunden - es heißt da wörtlich: "Dem Herrn Prediger Klette zu Mariendorf wird auf seine Anfrage vom 19. hujus, betreffend die Beerdigung der Leiche der verstorbenen Frau von Rosay in der dortigen Kirche und die Bestimmung der dafür zu bezahlenden Gebühren hiermit zur Resolution verteilet, dass, obwohl in denen Patronatkirchen auf dem Lande keiner als der Patron und die zu seiner Familien gehören, begraben zu werden pflegt, Magistratus, dennoch der Verstorbenen in der Kirche zu Mariendorf einen Platz gönnen wolle. Die für die Grabstelle zu entrichtenden Gebühren aber werden nach Maßgabe der hiesigen Leichenreglements-Taxe für Beysetzung adeliger Leichen in hiesigen Vorstadtkirchen in einem gewissen Verhältnis hiermit auf 20 D festgesetzt. Berlin den 21 Juny 1781."

 

 Renovation mit Freilegung des
Grabgewölbes der Frau von Rosay



Unsere Dorfkirche heute

Immer die Grundrißkonzeption der Kreuzform ohne Querschiff im Auge, ging man daran, den Kirchenraum in seiner maßgerechten klaren Gliederung wieder herzustellen. Man begann mit dem ältesten Teil der Kirche, der Apsis mit dem quadratischen Chorraum, an dessen Wänden man Fresken vermutete, die übermalt sein konnten; es fanden sich jedoch keinerlei Spuren bildhafter Darstellungen. Die beiden seitlichen Fenster über dem Altar, deren bleiverglaste Bilder im Kriege zerstört worden waren, bekamen wieder ihre schmale romanische Form. Das mittlere Fenster in der Apsis war nach der Orientierungsachse nach links ausgerichtet, was nach vorreformatorischer Auffassung durch die kaum merkliche Asymmetrie die Gläubigen an den Erlösertod Jesu erinnern sollte: Jesus neigte im Sterben sein Haupt nach links. Bei fast allen mittelalterlichen Kirchen findet man diese Sitte - auch in der Kirche zu Marienfelde. Hier nun in Mariendorf hielten die Restauratoren diese Fensterverschiebung für einen Baufehler, und man versuchte, das Mittelfenster zu begradigen. Hierbei entstand genau das Gegenteil: Bei den Maurerarbeiten kam man aus der angestrebten Mitte zu weit nach rechts, so daß letztlich der ursprüngliche Sinn verloren ging. Betrachtet man dieses Mittelfenster von außen, so wird die Fehlleitung der Veränderung offensichtlich!

Chorraum im heutigen Zustand 




Im Jahre 1956 schuf Prof. Kirchberger drei neue bleiverglaste Fenster mit Darstellungen der Symbole der vier Evangelisten und der Marterwerkzeuge.
Noch bis zur Renovation befand sich an der linken Seitenwand im Altarraum das schmiedeeiserne Tabernakel aus katholischer Zeit. Es hatte als Aufbewahrungsschrein für die konsekrierten Hostien nach der Reformation seine Bedeutung verloren. Den optischen Mittelpunkt des Gotteshauses bildet der Kruzifixus am hohen eichernen Holzkreuz am Altar; er ist eine originalgetreue Nachbildung des "Werdener Christus", der im Jahre 1062 in Helmstedt in Bronze gegossen wurde und im Jahre 1064 in die Luidgeri-Kirche bei Essen kam.
Hohe Bedeutung haben die kunstvollen Holzschnitzereien an den Seiten des Altartisches. Links von der Gemeinde findet sich die Kornähre (nach Johannes 6 Vers 35: ,Ich bin das Brot des Lebens'), Brot- oder Evangelienseite genannt, und rechts (nach Johannes 15 Vers l: ,Ich bin der rechte Weinstock') die Epistel- oder Weinseite.
Der quadratische Chorraum erfuhr bei der Restaurierung keinerlei Veränderungen; wenn auch wegen des im vorigen Jahrhundert recht stilwidrig errichteten Sakristeianbaus die beiden Fenster an der Nordseite zugemauert wurden, so sind doch die über 750 Jahre alten romanischen Fensterhöhlen über der ebenfalls erhaltenen "Priesterpforte" mit dem gewaltigen Schloß erhalten geblieben.

 

Altarkreuz mit Nachguß des
"Werdener Christus" von 1602 



Der aus Sandstein kunstvoll gestaltete Taufstein ist neueren Datums. Das schildförmige Ölbild an der Südwand stellt die Kreuzigungsgruppe dar. Es ist denkbar, daß es sich um den Mittelteil eines Altartryptichons handelt, dessen Herkunft unbekannt ist. Mit den anderen Bildnissen ist es eine Leihgabe des Konsistoriums.
Durch die Nivellierung des gesamten Kirchenfußbodens um 15 cm kamen auch die Basen der drei Säulen im Mittelschiff zum Vorschein. Jetzt beträgt die Höhe des Langhauses wieder genau fünf Meter.
Durch Entfernen der unschönen Nordempore mit Klappsitzen ist nun der ungehinderte Lichteinfall wieder hergestellt. Die Schließung des damals einzigen Zugangs zur Kirche, verbunden mit dem Aufstieg zu den Emporen, ergibt nun wieder die ursprüngliche Form des Kirchenschiffs. Die alte Orgelempore ruhte auf der ersten Säule und ragte zu weit in den Raum hinein; die Folge war eine fast unerträgliche Dunkelheit unterhalb der Orgelempore. Um diesem Übel abzuhelfen, wurde das Südfenster bis Manneshöhe nach unten verlängert, um etwas mehr Licht zu gewinnen. Es ist in alter Form wieder zugemauert und die Empore für Orgel und Chor auf einem Eisenträger neu errichtet worden. Schlicht, aber handwerklich hervorragend, entstand die neue Kanzel links an der Stirnwand des Langschiffes.
Erst 1956 konnte an den Orgelneubau gedacht werden. Sehr intensive statische, architektonische und klangliche Überlegungen waren nötig, um hier ein dem klassischen Kirchenraum entsprechendes Orgelwerk zu gestalten. Mit großer Liebe nahm sich der Berliner Orgelbauer Prof. Karl Schuke der schwierigen Aufgabe an, und im September 1957 erklang das neue Orgelwerk mit 18 klingenden Registern auf zwei Manualen und Pedal zum ersten Mal. In einer Reihe von Konzerten boten mehrere namhafte Organisten das gesamte Orgelwerk Dietrich Buxtehudes einer immer zahlreicher werdenden Hörergemeinde dar. Erst kürzlich konnten die fehlenden, Schleierbretter über den Prospektpfeifen des Rückpositivs eingebaut werden. Sie sind kein Zierrat, sondern begünstigen die Klangverschmelzung der dahinter befindlichen Pfeifenreihen. Jede klassisch disponierte Orgel wird mit diesen oftmals sehr kunstvollen Holzschleiern ausgestattet.



Die neugestaltete Vorhalle

Wenn noch nach dem letzten Kriege das Hauptportal im Turmhaus verschlossen war - wir erwähnten bereits die Gründe -, so bildete das Haupthindernis zur Öffnung des normalen Zugangs zur Kirche von Westen her eine dicke Mauer, welche das Turmhaus vom Kirchenschiff trennte. Dieser Turmraum glich einer unwürdigen Rumpelkammer und eine wacklige Holztreppe wies den Weg zur Turmuhr und zur Glockenstube. Hier eine schöne Vorhalle und den unmittelbaren Eingang zum Kirchenschiff zu schaffen, stellte unseren Architekten vor die schwierigste Aufgabe der ganzen Restauration! Nach Entfernung der großen Trennmauer zwischen Vorraum und Kirchenschiff kam der schöne Rundbogen als Kircheneingang optisch zur Geltung. Hier aber war für Architekt und Konservator die Orgelempore das Ärgernis, denn sie versperrte dem eintretenden Besucher den freien Blick in die schönen Gewölbe. Der frühere Konservator, Walter Peschke, hatte schon bei Vorplanungen aus diesem Grunde eine Orgelempore verworfen und den Bau einer Orgel an der Nordwand des Chorraumes empfohlen. Der Gemeindekirchenrat forderte jedoch Orgel und Chorplatz an der alten Stelle. Heute darf man feststellen, daß die architektonische und praktische Lösung der Vorhalle optimal gelungen ist!
Durch das neoromanische Eingangsportal führen Steinstufen herab zur Kirche. Immerhin haben die 45 cm Höhenunterschied zwischen Kirchhofsgelände und Kirchenboden ihre Bedeutung. Es ist bekannt, daß bei ständigen Bestattungen das Höhenniveau eines Friedhofs in 100 Jahren um vier bis fünf Zentimeter steigt und man so auch das Alter unserer Kirche errechnen kann. Das schwierigste Unterfangen im Kirchenvor-raum war die Schaffung eines Zugangs zur Empore - galt es doch, eine Feldsteinmauer mit einem Durchmesser von über 1,5 m zu durchbrechen und hierbei die enorme Steinlast des Turmes abzufangen. Anstelle der Trennmauer in der Vorhalle bildet die eichenholzumfaßte Glastür eine Zierde, die man in den alten Berliner Kirchen selten finden wird. Der schöne aus Klinkersteinen durch die ganze Kirche gelegte Fußboden wird durch Kastenbänke nirgends unterbrochen. Man entschloß sich zur Bestuhlung der Sitzreihen, die auch den Blick zur Höhe des Kirchenschiffs nicht hemmend beeinflußt.

Völlig neu wurde die Decke der Vorhalle in Eichenholz gestaltet. Ein Aufgang zur Glockenstube und zum Glockenspiel konnte entfallen; hier hat sich der Architekt eine kluge Lösung einfallen lassen: Von einem Kurbelgehäuse führt eine unsichtbare Rohrleitung zum ersten Obergeschoß und von dort läßt sich bei Bedarf eine ca. l x l Meter große Klappe zum Turmaufstieg öffnen, um vom Boden der Vorhalle eine Leichtmetalleiter anzustellen. Wenn auch nicht ganz unproblematisch, ist ein Aufstieg zum Turm doch lohnend. Zwei Etagen über der Vorhallendecke befindet sich die Glockenstube mit den Läuteglocken, von denen die größere nunmehr über 550 Jahre über Mariendorf ihre eherne Stimme schallen läßt.

Das Glockenspiel

Im Jahre 1970 bekam unser Kirchturm von der Glockengießerei Edelbrok ein Glockenspiel mit 16 Bronzeglocken, die unmittelbar im Innenraum vor den Schallöffnungen aufgehängt wurden. Die Klöppel sind elektromagnetisch gesteuert und werden durch ein Lochkartensystem betätigt. Je nach dem DE TEMPORE des Kirchenjahres erklingt in der Zeit von 7 Uhr früh bis 23 Uhr ein geistliches Volkslied oder ein Choral immer drei Minuten vor der vollen Stunde, jedoch nicht zur Zeit der Gebetsglocke um 8 Uhr, 12 Uhr und 19 Uhr. Darüber hinaus kann das Glockenspiel auch von einem Spieltisch aus manuell bedient werden. Zur allgemeinen Turmbesteigung fehlen in der Mariendorfer Dorfkirche die erforderlichen Sicherheitsbedingungen, aber wer einmal die Gelegenheit hatte, die Glocken und das Glockenspiel zu besichtigen, wird es nicht versäumt haben, durch die Lamellen der Schallöffnungen einen Blick auf den die Kirche umgebenden Kirchhof zu werfen. Mitsamt dem heutigen Pfarrgarten und dem Gemeindehaus in der Friedenstraße war hier die schon vor dem Bau der Kirche einzige Begräbnisstätte und nur noch die alten Mariendorfer Familien dürfen ihre Erbbegräbnisse in Anspruch nehmen. Einige Grabsteine halten die Erinnerung an diese Familien wach - Rohrbeck, Freiberg, Treppens, Ziedrich, Pasewaldt, Höft und noch viele andere. Man sah durch das ungeheure Wachsen der Gemeinde die Aufnahmefähigkeit unseres alten Kirchhofs zu Ende gehen, und so wurde unser Gemeindekirchhof um das Jahr 1890 gegründet. Hier finden wir auch noch den Grabstein der vermutlich ersten Bestattung mit der Aufschrift: Marie Polenz, geb. 1834, gest. 1895.

 
Glockenspiel  Wiederhergestelltes Haupttor 

Betritt man durch das kleine eiserne Türchen von der Friedenstraße her den alten Kirchhof, so fällt der Blick in Richtung auf das Turmhaus unserer Kirche unweigerlich auf die wenig stilvolle Verputzung des uralten Feldsteinmauerwerks. Wie von Unbekannt überliefert, soll bei einem (nie stattgefundenen) Russeneinfall im Jahre 1812 eine Kanonenkugel ein Loch im Mauerwerk hinterlassen haben. Tatsächlich ist dies vermeintliche Loch vorhanden gewesen, man hatte aber dort, wie auch anderswo (Giesensdorf) liegengebliebene Kanonenkugeln vom Schlachtfelde bei Großbeeren aufgesammelt und als Andenken in kirchliche Gebäude eingemauert. Die jahrhundertealte, sehr gelungene Überputzung des besagten Loches schien aber unserer Konservatorin nicht auffällig genug, und so wurde durch ihre Veranlassung jene riesengroße Zementdecke auf das alte Feldsteinmauerwerk aufgetragen.

Durchschreiten wir noch einmal das offene Portal unseres Kirchleins:
ein flämischer Kronleuchter spendet feierliches Licht in der Vorhalle, das Kirchenschiff in blendendem Weiß, durchflutet vom Schein der Kerzen auf flämischen Wandarmleuchtern und unser Blick fällt auf den Altar mit dem erhabenen Sinnbild unseres Erlösers. So wird mancher Besucher unserer Gottesdienste oftmals mit Psalm 26 Vers 8 denken : "Herr, ich habe lieb die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt."

Herausgeber

Gemeindekirchenrat der Evangelischen Kirchengemeinde Mariendorf, Alt-Mariendorf 39, 12107 Berlin.
Der Text wurde aus mündlichen Überlieferungen von Pfarrer Rieger, Pfarrer Kurzreiter, aus alten Gemeindebriefen von Pfarrer Klein und eigenem Miterleben von KMD i. R. Berthold Schwarz gestaltet.
Einiges Bildmaterial stammt aus dem Landesarchiv, aus einer Postkartenserie vom Jahr 1928 und neuen Privatfotos.
Titelbild:
Südostansicht der Kirche, aus "Alte Kirchen in Berlin", Wichern-Verlag 1986, Foto: Harry C. Suchland.
Die gedruckte Broschüre ist in der Dorfkirche Mariendorf sowie in der Küsterei erhältlich.