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| Wetterfahne von .1737 | Schriftprobe aus dem Traubuch von 1609 |
Die Kirche diente ausschließlich dem Gottesdienst! Es mag
vorgekommen sein, daß sich die Dorfbewohner hin und wieder
einmal bei Gefahr in die Kirche retteten, aber wie oft angenommen
- eine Wehrkirche ist unsere Dorfkirche nie gewesen. Dazu war
sie nicht nur ungeeignet, es war auch verboten, eine Kirche zu
Kriegszwecken zu benutzen. Eine bei Wehrkirchen immer vorhandene
Wasserzisterne und der Wehrgang waren in unserer Kirche nie vorhanden.
Die oft erwähnten kleinen vorbarocken Fensteröffnungen
sind Merkmale des Stils jener Zeit, sie waren niemals Schießscharten.
Von der Vorstellung, daß alle Augenblicke heißer
Teer durch die Fenster auf die Köpfe von Belagerern gegossen
wurde, müssen wir uns freimachen!
Gegen Ende des 16. Jahrhunderts - ein Balken an der Westseite
der Kirche soll früher die Zahl 1588 getragen haben - riß
man die alte flache Balkendecke ab und baute stattdessen das
uns bekannte Kreuzgewölbe ein. Zu diesem Zweck wurden im
Jahre 1588 drei Pfeiler in die Mitte des Kirchenschiffes gesetzt,
die wir heute so oft als störend und den freien Blick zum
Altar hemmend empfinden. Ein Jahr später, 1589, stiftete
der Patron der Kirche - also der Rat der Stadt zu Berlin-Cölln
- zwei große, halbrunde Fenster für die Südwand
des Chorraums, die sein Wappen und die Jahreszahl trugen.
Während des 30jährigen Krieges erhielt die Kirche
einen kostbaren geschnitzten Altar. Er wurde zum schönsten
Schmuck der Kirche. Auch erwar ein Patronatsgeschenk des Magistrats,
denn die kleine Gemeinde mit damals 160 Seelen hätte sich
ein so kostbares Kunstwerk nicht leisten können. Anno 1626
wurde dieser Altar aufgestellt, und es ist eigentlich ein Wunder,
daß er nicht nur die Stürme des 30jährigen Krieges
gut überstanden hatte, sondern auch in späteren Kriegen
vor Zerstörung bewahrt blieb.
Der Altar war so groß, daß er die halbrunde Altarnische
(Apsis) in der Höhe ganz und in der Breite fast vollständig
ausfüllte, so daß rechts und links nur ein schmaler
Gang für die damals üblichen Altarumgänge blieb.
Der untere Teil des Altars, also unmittelbar auf der Fläche
des Altartisches, die sogenannte Predella, stellte als Sockelgemälde
die Szene des heiligen Abendmahls dar. Darüber erhob sich
das schmale und recht hohe Mittelstück - die Kreuzigung,
in der Mitte hoch aufragend das Kreuz des Heilands, rechts und
links begrenzt durch die Kreuze der beiden Schacher. Zwei Gestalten,
der Lieblingsjünger Johannes und die Mutter Maria, schauen
schmerzerfüllt zum Gekreuzigten empor. Der Blick des Beschauers
geht rechts und links am Kreuzesstamm vorbei in den weiten Hintergrund,
der die judäische Landschaft darstellt; sie wird durch ein
halbkreisförmiges Spruchband begrenzt, das die Worte trägt:
"Das Blut Jesu Christi macht uns rein von aller Sünde."
Dieses Mittelstück des Altars wurde von zwei Säulen
flankiert, deren Kapitelle treppenartig vorsprangen. Vor jeder
Säule rechts und links von der Kreuzigungsgruppe stand je
eine Engelsgestalt mit Marterwerkzeugen; die rechte hielt den
Ysopstab mit dem Schwamm, die linke die Martersäule, an
die der Verurteilte gebunden wurde, um gegeißelt zu werden.
Die Bekrönung des ganzen Altaraufbaus ist die Darstellung
des siegenden Christus, der das Kreuz als Siegeszeichen tragend,
von einem weitvorspringenden Podest aus die Himmelfahrt antritt.
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Dieser kostbare Altar, das wertvollste und schönste Kunstwerk
unserer Dorfkirche, die so viele Kriege und Wirren überstanden
hatte, ist doch den Schrecken des 2.Weltkrieges zum Opfer gefallen.
Als die Gefahr der Bombennächte immer bedrohlicher geworden
war, hatte man den Altar sorgfältig zerlegt und in Einzelteilen
in Kisten verpackt, die an einen vermeintlich sicheren Ort verlagert
wurden. Nach Ende des Krieges, als so manches Kunstwerk wieder
das Tageslicht erblickte, blieben alle unsere Bemühungen,
unserem Altar wiederzufinden, vergeblich.
Schon um die Jahrhundertwende beobachtete man Zerstörungen durch Wurmfraß an der barocken Kanzel. Im Jahre 1714 entstanden, mit zierlichem Schnitzwerk und liebreizenden Engelsköpfchen bestückt, konnte nach fachlicher Untersuchung dieses Schmuckstück an der rechten Ecke des Langschiffs nicht gerettet werden. Auch der Renaissancetaufstein, der seinen Platz nur 80cm vor der ersten Säule hatte, war so stark beschädigt, daß eine Restaurierung nicht mehr möglich war.
Aus dem Jahre 1480 stammt unsere Läuteglocke, die eine der ältesten Berlins und uns wegen ihres historischen Wertes erhalten geblieben ist. Mit dem Schlagton b' läutet sie zu den Gottesdiensten, als Gebetsglocke morgens, mittags und abends und zu den kirchlichen Amtshandlungen. Bei Bestattungsfeiern begleitet ihr Klang unsere Heimgegangenen auf ihrem letzten Wege auf dem Kirchhof in der Friedenstraße. Die in gotischen Minuskeln lautende Inschrift auf dem Glockenmantel lautet:
Diese Inschrift ist durch Verzierungen unterbrochen, die daraufhinweisen,
daß Kirche und Dorf Mariendorf einst Eigentum des Tempelritterund
später des Johanniterordens gewesen waren. Am Anfang und
Ende der Inschrift erkennt man das Glockengießerzeichen
in Form eines Medaillons und andeutungsweise eine Darstellung
der "Maria mit dem Kinde". Eine von Bachmann gegossene
zweite Glocke mit dem Ton f wurde zu Kriegszwecken abgeliefert;
an ihrer Stelle hängt jetzt eine klanglich schwächliche
Glocke aus dem Jahr 1800 von Gustav Collier aus Zehlendorf mit
dem Schlagton des", deren Umguß bzw. Klangverbesserung
zwar geplant, jedoch nie zustande kam.
Die Bemühungen der Gemeinde um eine fachgerechte Restauration
unserer baugeschichtlich wertvollen Kirche sind bis in die Mitte
des vorigen Jahrhunderts nachzuweisen; es war sogar von einer
Entfernung des alten barocken Altaraufsatzes die Rede - man wollte
die Kirche modernisieren! Der damalige Konservator konnte aber
die Gemeinde vom hohen künstlerischen Wert und einer gewissen
Einmaligkeit dieses Kunstwerks auf märkischem Boden überzeugen.
In den 20er Jahren erhielt der Kirchenmaler Sandfort den Auftrag,
unsere Kirche durch Farbanstrich dem Zeitgeschmack anzupassen.
Die im vorigen Jahrhundert an der Nord- und Westseite eingebauten
Emporen mit Klappsitzen waren wegen Platzmangels praktisch notwendig
geworden und boten nun mit ihren Außenflächen zum
Kirchenraum hin der Anbringung von Bibelsprüchen viel Raum,
wie denn überhaupt Stilfragen nur eine untergeordnete Rolle
gespielt haben. Das hölzerne Kastengestühl, an den
Seiten und um die drei Säulen aufgestellt, hinderte vielen
Besuchern der Kirche den freien Blick zum Altar, was gerade bei
den Konfirmationen oftmals Ärger erregte.
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| Bronzeglocke von 1480 |
Erst im Jahr 1846 ist von einer Orgel die Rede. Der Orgelbaumeister Gottlieb Heise in Potsdam baute für unsere Kirche ein kleines Orgelpositiv ohne Pedal, das fraglos im Chorraum der Kirche aufgestellt wurde, denn Emporen gab es damals noch nicht. Über 50 Jahre hat dieses Instrument der Gemeinde gedient, denn 1890 erhielt die Orgelbauanstalt Gebr. Dinse in Berlin SO, Dresdener Straße, den Auftrag, auf der Südseite der Westempore direkt auf die Emporenbrüstung ein pneumatisches Werk zu bauen, aber schon im Jahre 1908 schien diese Orgel nicht mehr zu befriedigen. Sicherlich wegen allzu romantischer Dispositionswünsche lehnte Wilhelm Sauer in Frankfurt/Oder den Bau einer Orgel für unsere Dorfkirche ab - hatte er doch durch die berühmten Orgeln in der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche, der Domorgel und anderen Monumentalwerken bereits Weltruf! So erhielt die Firma Grüneberg in Stettin den Auftrag für eine 17stimmige Orgel, die aber gerade zur Begleitung für die Liturgie genügen konnte; dieses Instrument blieb auch nach dem Krieg erhalten; irgendwelche Orgelliteratur war auch wegen der schleppenden Pneumatik nicht darstellbar.
Nach Ende des 2.Weltkrieges waren an unserer Dorfkirche bis auf fehlende Dachziegel und zertrümmerte Fenster kaum Schäden sichtbar. Betrat man jedoch die Kirche, schlug einem eine kellerartig modrige Luft entgegen. Der Raum wirkte eng, verbaut, bedrückend, der Anstrich war verschmutzt, das Gewölbe zeigte Verwitterungserscheinungen. Der behelfsmäßige eiserne Ofen, der die Luft im Kirchenraum verqualmte, machte mit seinem zum Fenster hinausgeleiteten Abzugsrohr das Bild des Verfalls vollständig.
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| Orgelprospekt | Innenraum vor 1950 |
Die weitere Beschäftigung mit dem Kirchengebäude und
seiner Geschichte zeigte dann, daß bereits vor dem Kriege
im Jahre 1939 an eine Renovierung gedacht und in Zusammenarbeit
mit dem damaligen Provinzialkonservator, Walter Peschke, sehr
weitreichende Pläne im Sinne der ursprünglichen Formen
vorhanden waren. Der Krieg verhinderte nicht nur die Ausführung
dieser Pläne, sondern vergrößerte die damals
schon vorhandenen Mängel. Durch das undichte Dach und die
teilweise leeren Fensterhöhlen hatte das Steingewölbe
durch eindringendes Regenwasser stark gelitten. Die behelfsmäßige
Heizung nagte an den Fugen des Feldsteingemäuers und machte
die Schäden an der Substanz noch größer.
Sobald nach der Währungsreform und der Spaltung unserer
Stadt die politischen und finanziellen Verhältnisse es erlaubten,
wurden die Bemühungen um die Erhaltung und Pflege des ehrwürdigen
Baus der Dorfkirche wieder aufgenommen. Hierbei hatte die Gemeinde
einen sehr hilfsbereiten und tatkräftigen Förderer
in dem damaligen Provinzialkonservator Prof. Hinnerk Scheper,
unter dessen Leitung und künstlerischer Beratung alle Arbeiten
ausgeführt wurden. Die erforderlichen Mittel, rund 150000DM,
wurden vom Berliner Stadtsynodalverband, dem Berliner Senat und
Gariola-Mitteln (eine amerikanische Stiftung) zur Verfügung
gestellt und mußten von der Gemeinde im Laufe einer bestimmten
Zeit zurückgezahlt werden. Eine wesentliche Stütze
war hierbei der im Jahre 1952 unter der Leitung des Kirchenältesten
Willi Kraatz gegründete "Kirchliche Bauverein",
dem eine große Zahl von Gemeindegliedern angehörte.
Die ersten noch bescheideneren Arbeiten im Jahre 1951 suchten
dem Eindringen weiterer Feuchtigkeit in das Gebäude zu wehren.
Schon hierbei zeigte sich, daß eine gründliche Renovierung
viele Geldmittel erfordern würde und unter den damaligen
Verhältnissen nur abschnittsweise durchgeführt werden
könnte! Dabei stellte sich immer wieder die Überlegung
ein, ob nicht der Zeitpunkt gekommen wäre, die Pläne
der Vorkriegszeit wieder aufzunehmen, Baufehler der Vergangenheit
zu bereinigen und dringenden Erfordernissen des gottesdienstlichen
Lebens der Gegenwart Rechnung zu tragen. Vor allem war daran
gedacht, den engen Nordeingang zu schließen und das ursprüngliche
Hauptportal an der Westseite des Turmhauses wieder zu öffnen,
um so die alte Vorhalle für die Kirchgänger zu Gottesdienst
und Amtshandlungen zurückzugewinnen.
Nachdem im Jahre 1952 der erste größere Bauabschnitt
mit der Reparatur des Daches und am schönen Barockturm vom
Bauamt des Stadtsynodalverbandes durchgeführt worden war,
erwies es sich als ratsam, für die weiteren Arbeiten einen
erfahrenen Architekten zu berufen. Im Einvernehmen mit dem Provinzialkonservator
und dem kirchlichen Bauamt wurde diese Aufgabe Herrn Regierungsbaumeister
Friedrich Mellin angetragen; er war Vorsitzender der Schinkelgesellschaft.
Mit feinem Einfühlungsvermögen nahm sich Herr Mellin
im Sommer 1953 der ihm übertragenen Aufgabe an und gab der
Gemeinde seine Überlegungen zur Kenntnis.
Vor allem galt es, die Bausubstanz zu sichern. Dazu mußten die Fundamente isoliert, der Schwamm beseitigt und aller Holzwurmfraß unschädlich gemacht werden. Als man die barocke Kanzel untersuchte, zeigte es sich, daß sie nicht mehr zu retten war. Auch das Orgelgehäuse mitsamt den Windladen erlitt das gleiche Schicksal. So kam eine Überraschung zur anderen und eine Aufgabe zur nächsten. Vorrangig ging es bei den Restaurationsaktivitäten um die Beseitigung der Feuchtigkeit in den Südwänden und im Fußboden. Bei der Freilegung der Fundamente fand man kleine und große Feldsteine in losem Verbunde so, wie man sie einst in die Erde gelegt hatte, durchzogen von armdicken Wurzeln der die Kirche umgebenden Bäume. In mühseliger Arbeit wurden die Fundamente gereinigt, ummauert und mit einer isolierenden Schicht versehen. Auch im Innenraum mußten die Fundamente freigelegt werden. In ca. zwei Meter Tiefe fanden sich noch menschliche Knochenreste, woraus zu schließen ist, daß bereits vor dem Kirchbau, also gegen Ende des 12. Jahrhunderts, hier ein Begräbnisplatz vorhanden gewesen sein muß! Weiter stellte sich heraus, daß der Steinfußboden der Kirche um ca. 15 cm vor vielen Jahren aufgeschüttet worden war; hierbei entdeckte man die stufenartigen Basen der Säulen auf der Mittelachse.
Eine weitere Überraschung war die Auffindung eines Grabes. Unser beauftragter Architekt, Herr Mellin, teilt in seinem Rechenschaftsbericht mit: "Im Chorraum dicht an der Südwand wurde das Grabgewölbe der Frau von Rosay gefunden, was aber erst durch eine Aktennotiz als solches identifiziert wurde. Unter einem kleinen Backsteingewölbe ruht ein kleiner Sarg, der mit verzinnten Rokokoranken verziert war. Aus Gründen der Pietät wurde der Sarg nicht geöffnet. Mit einer waagerechten Bauplatte wurde die Gruft wieder verschlossen. "In unserem Archiv wurde dann eine entsprechende Aktennotiz gefunden - es heißt da wörtlich: "Dem Herrn Prediger Klette zu Mariendorf wird auf seine Anfrage vom 19. hujus, betreffend die Beerdigung der Leiche der verstorbenen Frau von Rosay in der dortigen Kirche und die Bestimmung der dafür zu bezahlenden Gebühren hiermit zur Resolution verteilet, dass, obwohl in denen Patronatkirchen auf dem Lande keiner als der Patron und die zu seiner Familien gehören, begraben zu werden pflegt, Magistratus, dennoch der Verstorbenen in der Kirche zu Mariendorf einen Platz gönnen wolle. Die für die Grabstelle zu entrichtenden Gebühren aber werden nach Maßgabe der hiesigen Leichenreglements-Taxe für Beysetzung adeliger Leichen in hiesigen Vorstadtkirchen in einem gewissen Verhältnis hiermit auf 20 D festgesetzt. Berlin den 21 Juny 1781."
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Grabgewölbes der Frau von Rosay |
Immer die Grundrißkonzeption der Kreuzform ohne Querschiff im Auge, ging man daran, den Kirchenraum in seiner maßgerechten klaren Gliederung wieder herzustellen. Man begann mit dem ältesten Teil der Kirche, der Apsis mit dem quadratischen Chorraum, an dessen Wänden man Fresken vermutete, die übermalt sein konnten; es fanden sich jedoch keinerlei Spuren bildhafter Darstellungen. Die beiden seitlichen Fenster über dem Altar, deren bleiverglaste Bilder im Kriege zerstört worden waren, bekamen wieder ihre schmale romanische Form. Das mittlere Fenster in der Apsis war nach der Orientierungsachse nach links ausgerichtet, was nach vorreformatorischer Auffassung durch die kaum merkliche Asymmetrie die Gläubigen an den Erlösertod Jesu erinnern sollte: Jesus neigte im Sterben sein Haupt nach links. Bei fast allen mittelalterlichen Kirchen findet man diese Sitte - auch in der Kirche zu Marienfelde. Hier nun in Mariendorf hielten die Restauratoren diese Fensterverschiebung für einen Baufehler, und man versuchte, das Mittelfenster zu begradigen. Hierbei entstand genau das Gegenteil: Bei den Maurerarbeiten kam man aus der angestrebten Mitte zu weit nach rechts, so daß letztlich der ursprüngliche Sinn verloren ging. Betrachtet man dieses Mittelfenster von außen, so wird die Fehlleitung der Veränderung offensichtlich!
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Im Jahre 1956 schuf Prof. Kirchberger drei neue bleiverglaste
Fenster mit Darstellungen der Symbole der vier Evangelisten und
der Marterwerkzeuge.
Noch bis zur Renovation befand sich an der linken Seitenwand
im Altarraum das schmiedeeiserne Tabernakel aus katholischer
Zeit. Es hatte als Aufbewahrungsschrein für die konsekrierten
Hostien nach der Reformation seine Bedeutung verloren. Den optischen
Mittelpunkt des Gotteshauses bildet der Kruzifixus am hohen eichernen
Holzkreuz am Altar; er ist eine originalgetreue Nachbildung des
"Werdener Christus", der im Jahre 1062 in Helmstedt
in Bronze gegossen wurde und im Jahre 1064 in die Luidgeri-Kirche
bei Essen kam.
Hohe Bedeutung haben die kunstvollen Holzschnitzereien an den
Seiten des Altartisches. Links von der Gemeinde findet sich die
Kornähre (nach Johannes 6 Vers 35: ,Ich bin das Brot des
Lebens'), Brot- oder Evangelienseite genannt, und rechts (nach
Johannes 15 Vers l: ,Ich bin der rechte Weinstock') die Epistel-
oder Weinseite.
Der quadratische Chorraum erfuhr bei der Restaurierung keinerlei
Veränderungen; wenn auch wegen des im vorigen Jahrhundert
recht stilwidrig errichteten Sakristeianbaus die beiden Fenster
an der Nordseite zugemauert wurden, so sind doch die über
750 Jahre alten romanischen Fensterhöhlen über der
ebenfalls erhaltenen "Priesterpforte" mit dem gewaltigen
Schloß erhalten geblieben.
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"Werdener Christus" von 1602 |
Der aus Sandstein kunstvoll gestaltete Taufstein ist neueren
Datums. Das schildförmige Ölbild an der Südwand
stellt die Kreuzigungsgruppe dar. Es ist denkbar, daß es
sich um den Mittelteil eines Altartryptichons handelt, dessen
Herkunft unbekannt ist. Mit den anderen Bildnissen ist es eine
Leihgabe des Konsistoriums.
Durch die Nivellierung des gesamten Kirchenfußbodens um
15 cm kamen auch die Basen der drei Säulen im Mittelschiff
zum Vorschein. Jetzt beträgt die Höhe des Langhauses
wieder genau fünf Meter.
Durch Entfernen der unschönen Nordempore mit Klappsitzen
ist nun der ungehinderte Lichteinfall wieder hergestellt. Die
Schließung des damals einzigen Zugangs zur Kirche, verbunden
mit dem Aufstieg zu den Emporen, ergibt nun wieder die ursprüngliche
Form des Kirchenschiffs. Die alte Orgelempore ruhte auf der ersten
Säule und ragte zu weit in den Raum hinein; die Folge war
eine fast unerträgliche Dunkelheit unterhalb der Orgelempore.
Um diesem Übel abzuhelfen, wurde das Südfenster bis
Manneshöhe nach unten verlängert, um etwas mehr Licht
zu gewinnen. Es ist in alter Form wieder zugemauert und die Empore
für Orgel und Chor auf einem Eisenträger neu errichtet
worden. Schlicht, aber handwerklich hervorragend, entstand die
neue Kanzel links an der Stirnwand des Langschiffes.
Erst 1956 konnte an den Orgelneubau gedacht werden. Sehr intensive
statische, architektonische und klangliche Überlegungen
waren nötig, um hier ein dem klassischen Kirchenraum entsprechendes
Orgelwerk zu gestalten. Mit großer Liebe nahm sich der
Berliner Orgelbauer Prof. Karl Schuke der schwierigen Aufgabe
an, und im September 1957 erklang das neue Orgelwerk mit 18 klingenden
Registern auf zwei Manualen und Pedal zum ersten Mal. In einer
Reihe von Konzerten boten mehrere namhafte Organisten das gesamte
Orgelwerk Dietrich Buxtehudes einer immer zahlreicher werdenden
Hörergemeinde dar. Erst kürzlich konnten die fehlenden,
Schleierbretter über den Prospektpfeifen des Rückpositivs
eingebaut werden. Sie sind kein Zierrat, sondern begünstigen
die Klangverschmelzung der dahinter befindlichen Pfeifenreihen.
Jede klassisch disponierte Orgel wird mit diesen oftmals sehr
kunstvollen Holzschleiern ausgestattet.
Wenn noch nach dem letzten Kriege das Hauptportal im Turmhaus
verschlossen war - wir erwähnten bereits die Gründe
-, so bildete das Haupthindernis zur Öffnung des normalen
Zugangs zur Kirche von Westen her eine dicke Mauer, welche das
Turmhaus vom Kirchenschiff trennte. Dieser Turmraum glich einer
unwürdigen Rumpelkammer und eine wacklige Holztreppe wies
den Weg zur Turmuhr und zur Glockenstube. Hier eine schöne
Vorhalle und den unmittelbaren Eingang zum Kirchenschiff zu schaffen,
stellte unseren Architekten vor die schwierigste Aufgabe der
ganzen Restauration! Nach Entfernung der großen Trennmauer
zwischen Vorraum und Kirchenschiff kam der schöne Rundbogen
als Kircheneingang optisch zur Geltung. Hier aber war für
Architekt und Konservator die Orgelempore das Ärgernis,
denn sie versperrte dem eintretenden Besucher den freien Blick
in die schönen Gewölbe. Der frühere Konservator,
Walter Peschke, hatte schon bei Vorplanungen aus diesem Grunde
eine Orgelempore verworfen und den Bau einer Orgel an der Nordwand
des Chorraumes empfohlen. Der Gemeindekirchenrat forderte jedoch
Orgel und Chorplatz an der alten Stelle. Heute darf man feststellen,
daß die architektonische und praktische Lösung der
Vorhalle optimal gelungen ist!
Durch das neoromanische Eingangsportal führen Steinstufen
herab zur Kirche. Immerhin haben die 45 cm Höhenunterschied
zwischen Kirchhofsgelände und Kirchenboden ihre Bedeutung.
Es ist bekannt, daß bei ständigen Bestattungen das
Höhenniveau eines Friedhofs in 100 Jahren um vier bis fünf
Zentimeter steigt und man so auch das Alter unserer Kirche errechnen
kann. Das schwierigste Unterfangen im Kirchenvor-raum war die
Schaffung eines Zugangs zur Empore - galt es doch, eine Feldsteinmauer
mit einem Durchmesser von über 1,5 m zu durchbrechen und
hierbei die enorme Steinlast des Turmes abzufangen. Anstelle
der Trennmauer in der Vorhalle bildet die eichenholzumfaßte
Glastür eine Zierde, die man in den alten Berliner Kirchen
selten finden wird. Der schöne aus Klinkersteinen durch
die ganze Kirche gelegte Fußboden wird durch Kastenbänke
nirgends unterbrochen. Man entschloß sich zur Bestuhlung
der Sitzreihen, die auch den Blick zur Höhe des Kirchenschiffs
nicht hemmend beeinflußt.
Völlig neu wurde die Decke der Vorhalle in Eichenholz gestaltet. Ein Aufgang zur Glockenstube und zum Glockenspiel konnte entfallen; hier hat sich der Architekt eine kluge Lösung einfallen lassen: Von einem Kurbelgehäuse führt eine unsichtbare Rohrleitung zum ersten Obergeschoß und von dort läßt sich bei Bedarf eine ca. l x l Meter große Klappe zum Turmaufstieg öffnen, um vom Boden der Vorhalle eine Leichtmetalleiter anzustellen. Wenn auch nicht ganz unproblematisch, ist ein Aufstieg zum Turm doch lohnend. Zwei Etagen über der Vorhallendecke befindet sich die Glockenstube mit den Läuteglocken, von denen die größere nunmehr über 550 Jahre über Mariendorf ihre eherne Stimme schallen läßt.
Im Jahre 1970 bekam unser Kirchturm von der Glockengießerei Edelbrok ein Glockenspiel mit 16 Bronzeglocken, die unmittelbar im Innenraum vor den Schallöffnungen aufgehängt wurden. Die Klöppel sind elektromagnetisch gesteuert und werden durch ein Lochkartensystem betätigt. Je nach dem DE TEMPORE des Kirchenjahres erklingt in der Zeit von 7 Uhr früh bis 23 Uhr ein geistliches Volkslied oder ein Choral immer drei Minuten vor der vollen Stunde, jedoch nicht zur Zeit der Gebetsglocke um 8 Uhr, 12 Uhr und 19 Uhr. Darüber hinaus kann das Glockenspiel auch von einem Spieltisch aus manuell bedient werden. Zur allgemeinen Turmbesteigung fehlen in der Mariendorfer Dorfkirche die erforderlichen Sicherheitsbedingungen, aber wer einmal die Gelegenheit hatte, die Glocken und das Glockenspiel zu besichtigen, wird es nicht versäumt haben, durch die Lamellen der Schallöffnungen einen Blick auf den die Kirche umgebenden Kirchhof zu werfen. Mitsamt dem heutigen Pfarrgarten und dem Gemeindehaus in der Friedenstraße war hier die schon vor dem Bau der Kirche einzige Begräbnisstätte und nur noch die alten Mariendorfer Familien dürfen ihre Erbbegräbnisse in Anspruch nehmen. Einige Grabsteine halten die Erinnerung an diese Familien wach - Rohrbeck, Freiberg, Treppens, Ziedrich, Pasewaldt, Höft und noch viele andere. Man sah durch das ungeheure Wachsen der Gemeinde die Aufnahmefähigkeit unseres alten Kirchhofs zu Ende gehen, und so wurde unser Gemeindekirchhof um das Jahr 1890 gegründet. Hier finden wir auch noch den Grabstein der vermutlich ersten Bestattung mit der Aufschrift: Marie Polenz, geb. 1834, gest. 1895.
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| Glockenspiel | Wiederhergestelltes Haupttor |
Betritt man durch das kleine eiserne Türchen von der Friedenstraße her den alten Kirchhof, so fällt der Blick in Richtung auf das Turmhaus unserer Kirche unweigerlich auf die wenig stilvolle Verputzung des uralten Feldsteinmauerwerks. Wie von Unbekannt überliefert, soll bei einem (nie stattgefundenen) Russeneinfall im Jahre 1812 eine Kanonenkugel ein Loch im Mauerwerk hinterlassen haben. Tatsächlich ist dies vermeintliche Loch vorhanden gewesen, man hatte aber dort, wie auch anderswo (Giesensdorf) liegengebliebene Kanonenkugeln vom Schlachtfelde bei Großbeeren aufgesammelt und als Andenken in kirchliche Gebäude eingemauert. Die jahrhundertealte, sehr gelungene Überputzung des besagten Loches schien aber unserer Konservatorin nicht auffällig genug, und so wurde durch ihre Veranlassung jene riesengroße Zementdecke auf das alte Feldsteinmauerwerk aufgetragen.
Durchschreiten wir noch einmal das offene Portal unseres Kirchleins:
ein flämischer Kronleuchter spendet feierliches Licht in
der Vorhalle, das Kirchenschiff in blendendem Weiß, durchflutet
vom Schein der Kerzen auf flämischen Wandarmleuchtern und
unser Blick fällt auf den Altar mit dem erhabenen Sinnbild
unseres Erlösers. So wird mancher Besucher unserer Gottesdienste
oftmals mit Psalm 26 Vers 8 denken : "Herr, ich habe lieb
die Stätte deines Hauses und den Ort, da deine Ehre wohnt."
Gemeindekirchenrat der Evangelischen Kirchengemeinde Mariendorf,
Alt-Mariendorf 39, 12107 Berlin.
Der Text wurde aus mündlichen Überlieferungen von Pfarrer
Rieger, Pfarrer Kurzreiter, aus alten Gemeindebriefen von Pfarrer
Klein und eigenem Miterleben von KMD i. R. Berthold Schwarz gestaltet.
Einiges Bildmaterial stammt aus dem Landesarchiv, aus einer Postkartenserie
vom Jahr 1928 und neuen Privatfotos.
Titelbild:
Südostansicht der Kirche, aus "Alte Kirchen in Berlin",
Wichern-Verlag 1986, Foto: Harry C. Suchland.
Die gedruckte Broschüre ist in der Dorfkirche Mariendorf
sowie in der Küsterei erhältlich.