Gedanken über die Martin-Luther-Gedächtniskirche

Nein, eine Wohlfühlkirche ist mir die Martin- Luther- Gedächtniskirche nie gewesen. Zu groß, zu dunkel, zu mächtig. Beim Eintritt wird der Blick auf den Altarraum gelenkt. Da am Kreuz: ein Jesus, muskulös, erhobener Kopf, herausgestrecktes Kinn - ich werde es euch zeigen... Keine Spur von Demut, nirgendwo in dieser Kirche.

Die Kirche erzählt von einer Zeit des nationalen Stolzes, von einer Zeit des Wachsens der Gemeinde, einer Zeit des wirtschaftlichen und politischen Aufbruchs. Wohin, wissen wir alle. Im Jahr der Einweihung der Martin- Luther- Gedächtniskirche wurde am 15.09.1935 das „Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre" erlassen. Knapp 10 Jahre später lag Europa, Deutschland, Berlin, Mariendorf in Trümmern. Die Martin-Luther-Gedächtniskirche aber stand noch.

Die Zeit des Nationalsozialismus war vorüber. Seine Symbolik wurde in der Martin- Luther- Gedächtniskirche nicht so gründlich entfernt wie anderorts. Ich vermute, dies lag nicht an einer politischen Überzeugung, sondern eher an der Mariendorfer Unbedarftheit, die mich bisweilen auch heute noch wundern lässt. Als Schnitzwerk geblieben sind die deutsche Mutter mit Kind, der Soldat und der SA-Mann - sollen sie meine Gemeinde sein?

Kaum verstellbar. Aber ich höre, was sie mir zu erzählen haben. Ich frage sie im Stillen. Welche Ideen und Ideale hatten sie damals, als die Kirche gebaut wurde. Und wie konnten sie als Christen in dieser ihrer - meiner - Kirchengemeinde Mariendorf das zulassen, gutheißen oder tun, was 1935 schon längst offensichtlich war und das, was noch kommen würde. Gedanklich führe ich eine Zwiesprache, die mit meinen Großeltern nie stattfand. Und dann vielleicht doch etwas Demut: Wir sind in unserer Zeit schuldig geworden - wiederhole Du heute unsere Fehler nicht. Sei wach und gerecht. Lebe gottgefällig.

Ich erschaudere. Nein, Martin- Luther- Gedächtniskirche, in dir werde ich mich wohl nie so richtig wohl fühlen. Mit deiner Geschichte, deiner Symbolik bist du mir unbequem. Aber ich werde mich für deinen Erhalt einsetzen - alles andere wäre zu einfach.

Torsten Görisch
Oktober 2002