Chronik der Martin-Luther-Gedächtnis-Kirche

Teil 2 - Von der Grundsteinlegung bis zur Glockenweihe
 

Grundsteinlegung

Seit einem Dreivierteljahr herrschen in Deutschland die Nationalsozialisten. Auch die evangelischen Kirchenwahlen, ein Vierteljahr zuvor, haben den Hitler ergebenen "Deutschen Christen" (DC), die ein national-sozialistisch geprägtes Christentum lehren (s. "Klepper in unserer Kirche"), mehr als zwei Drittel aller Stimmen eingebracht. Wie die altpreußische Kirchenbehörde, so vertritt ebenfalls der Leiter des Kirchenbauamtes und MLGK-Architekt die Weltanschauung des Dritten Reiches. Der Machtwechsel in Staat und Kirche kann jedoch nur noch die Innengestaltung des Bauwerkes beeinflussen. Seine äußere Architektur ist ja seit den zwanziger Jahren festgelegt.

Die "Neue Tempelhofer Zeitung" weist auf die Grundsteinlegung vom 22. Oktober 1933 hin:
"Mit Darbietungen des Bläserchors des Evan-gelischen Jungmännervereins (Dirigent Fritz Walther) sowie des Kirchenchors wird die Feier eingeleitet werden. Superintendent Schulze, unter Mitwirkung der Mariendorfer Pfarrer Rieger und Kurzreiter, wird nach dem Gemeindegesang die Eingangsliturgie halten. Nach dem Gesang des Kirchenchors wird Generalsuperintendent Karow das Wort zur Weiherede nehmen. Nach dem Festgesang wird der Kirchenälteste Rektor Janetzke die verfasste Grundsteinlegungsurkunde verlesen, die dann unter dem Klang der Posaunen in den Grundstein eingemauert wird. In dieser Kapsel werden auch andere Gegenstände und Nachweise, Hartgeldstücke und Zeitungen geborgen .....
Die Evangelische Kirchengemeinde Mariendorf bittet deshalb, mit Fahnen der nationalen Erhebung die Straßen zu schmücken, um so auch äußerlich den Tag als Freudentag zu kennzeichnen."

Der Generalsuperintendent weiht den Grundstein. Außer dem Superintendenten und beiden Pfarrern führen Hammerschläge aus: Oberkonsistorialrat Fretzdorf, Bürgermeister Dr. Bruns-Wüstefeld, die DC-Funktionäre Knape, Arendsee und Pfarrer Tausch, die Ältesten Janetzke, Castrup, Noak und Maschke, Frau Bruse und Herr Lankmeyer von der Gemeindevertretung, Dr. Steinberg, bauleitender Architekt Antz, Baumeister Wilhelm Schmidt (dessen  Firma den Bau ausführt), Bauführer Gerstmeyer und Maurerpolier Jahn (dessen Neffe, Günter Hulwa, rund 20 Jahre später genannte Chronik verfassen wird). Klempnermeister Nebeling hat die kupferne Urkundenkapsel gestiftet. Sie wird von Polier Jahn in den Triumphbogen eingemauert.

 

Die Urkunde

Etwa 2000 Gemeindeglieder hören zu, als Rektor Janetzke die Urkunde der Grundsteinlegung verliest - die Pfarrer Rieger verfaßt und der Kirchenälteste Dobel in Kunstschrift geschrieben haben: "Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. In dem denkwürdigen Jahr 1933 im neunten Jahr der Präsidentschaft des Generalfeldmarschalls von Hindenburg, dem ersten Jahr der Volkskanzlerschaft Adolf Hitlers, dem Jahr des gewaltigen Aufbruchs der deutschen Nation zu neuem nationalen Leben, dem Jahr, in dem unser von vielen Parteien zerrissenes Volk zusammengeschweißt wurde zu einer Einheit, dem Jahr, das die Erinnerung bringt an den vierhundertfünfzigjährigen Geburtstag Dr. Martin Luthers, dem Jahr, das uns in dem machtvollen Ringen um Glauben und Verinnerlichung auch die Hoffnung gibt, legen wir heute, am 22. Oktober 1933 den Grundstein zu einer neuen Kirche, der dritten in unserer Gemeinde, der zweiten in unserem Gemeindeteil Berlin-Mariendorf ...** (Südende hat seine Kirche 1913 erhalten, auch von Dr.Steinberg erbaut.)

In der Urkunde steht noch: "Nach der Neuordnung unserer Währung, im Jahr 1923 ging die Kirchengemeinde erneut daran, Mittel für den immer dringender werdenden Kirchbau zu schaffen. Durch eine kluge, vorausschauende Finanzpolitik und die Opferfreudigkeit der Gemeinde ist es gelungen, das Baukapital nach und nach aufzubringen. Als im Jahre 1933 der von Gott uns geschenkte große Führer unseres Volkes, Adolf Hitler, zum Kampf aufrief gegen die riesenhafte Arbeitslosigkeit in unserem Volk..." (Pfarrer Klein: "Es gab damals rund sechs Millionen Arbeitslose!") "... hielten die kirchlichen Körperschaften die Zeit zum Bau für gekommen und wollten ihrerseits helfen an der Linderung der Arbeitsnot. Mit beglückender Einmütigkeit wurde beschlossen, sofort mit dem Bau zu beginnen. Konsistorium und evangelischer Oberkirchenrat (damalige Berliner und Preußische Kirchenbehörde) gaben ihre Genehmigung, und am 6. September 1933 wurde der erste Spatenstich getan".

Zu dieser Zeit sind für das "Zentrum kirchlicher Arbeit" (auf dem vier Morgen großen Gelände zwischen Rathaus-, Kaiser- und Schöneberger Straße, später Gersdorfstraße) außer Gemeindehaus, Kirche und Pfarrhaus noch ein selbständiger Gemeindesaal und ein Diakoniegebäude vorgesehen.

Sowohl Baumeister Wilhelm Schmidt, als auch Bauarchitekt Ludwig Antz gehören der Gemeinde an. Mariendorfer Handwerker werden vorzugsweise beteiligt. "Der Bau soll ein Bau der Gemeindeglieder sein", wird Pfarrer Klein1960 erklären.

 

Der Baubeginn

Günter Hulwa: "Nach den Feierlichkeiten der Grundsteinlegung begannen schon am nächsten Tage, dem 23. Oktober 1933 die Bauarbeiten. In die Grundmauern, die bald eine Höhe von 10 Metern erreicht hatten, wurden an jeder Längsseite gleichzeitig acht Pfeiler gemauert, die das Kirchenschiff tragen. Der Altarraum, an der Südseite des Neubaues, wird von neun Pfeilern der gleichen Art getragen.... Die Peiner Eisenbau- und Bearbeitungsgesellschaft errichtete zunächst in der Mitte des Baugrundstückes einen 26 Meter hohen Eisenmast, an dessen Spitze ein großer Flaschenzug angebracht war. Träger um Träger brachte dieser Flaschenzug in die Höhe, so daß im März die Kuppel der Kirche sich durch eine gewaltige Eisenkonstruktion abzeichnete .... Ein Gewebe aus durch starken Draht miteinander verbundenen Steinen wurde nun in die noch freibleibenden Zwischenräume "gewebt", wie der Fachausdruck der Bauhandwerker heißt... Die Zimmerleute brachten auf diese Eisenkonstruktion eine dieser in ihren Ausmaßen genau entsprechende Holzkonstruktion. Die diente zur Aufnahme der Dachziegel..."

"Für den Bau des Triumphbogens wurden allein 36.000 Mauersteine benötigt. Er enthält trotzdem noch 12 Hohlräume (Kammern), deren einzelne Größe je zwei erwachsenen Menschen Raum bieten könnte..."

"Der Kirchturm... sollte ursprünglich eine Höhe von 50,86 m erhalten. Wegen der Nähe des Tempelhofer Flughafens und der damit verbundenen Gefahr für landende und aufsteigende Flugzeuge entschloß man sich jedoch für eine Höhe von 49,20 m. Auch die für eine Kirche unschöne Anlage von Warnungs- und Positionslampen konnte dadurch wegfallen. Der Turm ruht auf insgesamt 12 Pfeilern. Vier dieser Mauerpfeiler stehen direkt am Eingang"

"Als der Turm 11 Meter hoch war, wurden die Träger der Orgel eingebaut. Der Hauptträger, auf dem die Orgel aufgebaut ist, hat eine Länge von 11,80 m und ist 90 cm hoch..."

"Nach 30 Metern Höhe wurde die 6,60 m hohe Glockenstube gebaut. Die Decke der Glockenstube ist gleichzeitig das Fundament für ein 3,30 m hohes Kreuz, das den Abschluß des Kirchturmes bildete. Beim Bau des Kirchturmes wurde vorläufig ein quadratisches Loch freigelassen, um später die Glocken in den Glockenstuhl aufziehen zu können."

 

Das Richtefest

Über das Richtefest vom 17.Mai 1934 schreibt der "Berliner Lokal-Anzeiger" in seiner Süd-Ost-Ausgabe vom 22. Mai 1934: "Nachdem die Richtkrone nach altem Brauch hochgezogen war und Zimmermeister Lau manch guten Spruch dem Bau mit auf den Weg gegeben hatte, dankte Pfarrer Rieger in bewegten Worten allen, die am Werk mitgeholfen hatten... Wie der Turm zum Himmel weise, so fühle sich auch die in treuer Arbeits-, Glaubens- und Volksgemeinschaft vereinte Gemeinde emporgezogen zum allmächtigen Gott, der seine Hand sichtbarlich über dem Werk gehalten habe. Man habe aber mit dem Kirchenbau auch die freudige Mitarbeit am neuen Staatsbau bekunden wollen und sich, dem Rufe des Kanzlers folgend, in die Front zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit eingereiht. Rund 3.300 Tagewerke konnten bisher vergeben werden, und alle empfänden eine besondere Freude darüber, daß es ihnen vergönnt sei, den Bau des neuen Gotteshauses im neuen Deutschland zu vollenden.

Nachdem die Anwesenden das Deutschland- und das Horst- Wessel- Lied gesungen hatten, entbot Fritz Arendsee von der Kreisleitung der "Deutschen Christen" Kölln-Land II den Versammelten herzliche Grüße. Es sei das Verdienst des Führers, daß derartige christliche Feste überhaupt noch gefeiert werden könnten. Das Reich Gottes müsse in das Dritte Reich hineingebaut werden, dann werde Deutschland unüberwindlich sein. Choräle und geistliche Lieder umrahmten die schlichte Feier."

 

Glockenweihe

Anfang August 1935 liefert die Hildesheimer Glockengießerei Radler vier Bronzeglocken mit der Tonfolge h'-d'-e'-fis'. Sie entspricht dem Choralmotiv "0 Heiland, reiß die Himmel auf". Die Feierabendglocke, 15 Zentner schwer, trägt die Aufschrift "bete und arbeite", als Bild die "betenden Hände" nach Albrecht Dürer, als zusätzlichen Spruch: "Herr, bleibe bei uns, denn es will Abend werden und der Tag hat sich geneigt". Die Gemeindeglocke, 25 Zentner schwer, bildet Mariendorfs Dorfkirche ab und weist die Inschrift auf: "Jesus Christus, gestern und heute und derselbe auch in Ewigkeit". Die Vaterlandsglocke, 35 Zentner schwer, zeigt das Hoheitszeichen des Dritten Reiches und ein Hitlerwort: "Möge Gott unsere Arbeit in seine Gnade nehmen, unseren Willen recht gestalten und unsere Einsicht segnen!" Die Glaubensglocke, 55 Zentner schwer, trägt ein Bild Martin Luthers und den Spruch: "Ehre sei Gott in der Hohe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!" Nach der Glockenweihe, am 11. August 1935 stehen die Glocken mehrere Tage lang vor dem Kircheneingang zur Besichtigung frei. Danach werden sie in den Turm hinaufgezogen.

Für etwa 800 Ornamentplatten auf den Apsisbögen hat der Bildhauer Heinrich Mecklenburger zahlreiche Motivbilder und Symbolzeiehen entworfen, die mehrfach wiederholt sind. (s. "Klepper in unserer Kirche") Der Triumphbogen ist 11,05 m hoch und 1,65 m breit.

 

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