Chronik der Martin-Luther-Gedächtnis-Kirche

Teil 4 - Von der Einweihung über die Kriegs- und Nachkriegszeit bis zum 50jährigen Jubiläum
 

Einweihung am 22.12.1935

Generalsuperintendent Dr. Eger sowie Vertreter der Staats- und Kirchenbehörden werden mit allen Ehrengästen im Gemeindehaus Rathausstraße 28 empfangen. Um 9.30 Uhr bläst der Posaunenchor vom Turm. Der Festzug bewegt sich aus dem Gemeindehaus an das Kirchenportal. Feierlich werden der Kirchenschlüssel übergeben und die Kirche geöffnet. Pfarrer Klein: "Unter Vorantritt der Kirchenältesten, welche die heiligen Geräte tragen,, werden die Ehrengäste zu ihren Plätzen geleitet, worauf mit Chorgesang der Festgottesdienst beginnt" - um 10 Uhr, wie 50 Jahre später auch.

Das Posauneblasen ("Tochter Zion, freue dich") leitet Fritz Walther. Der Kirchenchor singt den 95. Psalm (von Martin Grabert), unter Leitung des Organisten Bruno M. Klee. Der Generalsuperintendent weiht die Kirche ein. Pfarrer Kurzreiter hält die Eingangsliturgie, Pfarrer Rieger predigt, Superintendent Schulze spricht die Schlußliturgie. Pfarrer Klein: "Am Schluß des Gottesdienstes vollzieht der Generalsuperintendent Dr. Eger eine Taufhandlung. Die Gemeinde wird herzlichst gebeten, bei dieser ersten Taufe vollzählig auszuharren."(inzwischen ist auch dieser erste Täufling - hoffentlich - über 50 Jahre alt geworden.)

Pfarrer Klein (l960): "Und dann war es eigentlich so wie heute bei uns - am Nachmittag ein Beisammensein, die Weihnachtsfeier des Kindergottesdienstes, ein Weihnachtskonzert," Günter Hulwa notiert noch mitbetroffen: "An der eigentlichen Feier in der Kirche konnte naturgemäß nur ein kleiner Teil der Mariendorfer Gemeinde teilnehmen."

 

Die Gemeindestatistik

Die Gemeindestatistik (Südende inbegriffen) zählt 23.500 Evangelische. In drei Kirchen amtieren zwei Pfarrer (die 1935 schon länger als ein Vierteljahrhundert zusammenarbeiten, ein Vikar (bald ein dritter Pfarrer), drei Diakonissen, eine Gemeindehelferin, zwei Organisten und Chorleiter. 16 Älteste und 32 Gemeindeverordnete vertreten die Gemeindeglieder. Aus dem Jahr 1936 werden mehr als 190 Trauungen und 300 Taufen gemeldet.

Allein diese Statistik zeigt, daß die damaligen Pfarrer mit Predigt, Sakramentsverwaltung, Beerdigungen, Unterricht und Seelsorge reichlich ausgelastet sind. Das vielfältige Gemeindeleben in Mariendorf bleibt Aufgabe der nichttheologischen Mitarbeiter und vor allem der Gemeindeglieder selbst. Ihr geplantes "Zentrum kirchlicher Arbeit" kann sich nur durch Engagement und Initiative vieler Mariendorfer entwickeln. Der zahlenstarke Gottesdienstbesuch in dieser Zeit zeigt die kirchliche Verkündigung als Mittelpunkt des Gemeindelebens... Wenigstens Engagement und Initiative kennzeichnen die Kirchengemeinde Mariendorf noch ein halbes Jahrhundert später.

Das Viergeläut ertönt nur sieben Jahre lang. 1942 werden alle MLGK-Glocken an die Rüstungsindustrie abgeliefert. 1950 erhält die Kirche durch Vermittlung der Metallgießerei Karl Schmotter ein Ersatzgeläut: Drei kleine Glocken, die 100 Jahre alt sind (hergestellt von Gustav Collier, Zehlendorf). Über 20 Jahre nach der ersten Glockenweihe, ersetzen vier Gußstahlglocken das ursprüngliche Bronzegeläut. Dafür hat sich vor allem Pfarrer Schulz engagiert.

 

Bombenschäden

Am 6. Dezember 1943 schreibt Pfarrer Rieger an das Konsistorium: "Ende November wurden Häuser in der Prühßstraße zerstört und zwei Menschen getötet...Auch in der Martin- Luther- Gedächtniskirche sind sämtliche Fenster zertrümmert. Das daneben liegende Gemeindehaus wurde von einer Sprengbombe getroffen, die ein Drittel des südlichen Flügels fortriß. Die Wohnung der Gemeindehelferin ist völlig verschwunden. Von der von Pfarrer Kurzreiter bewohnten Pfarrwohnung sind zwei Zimmer völlig fort und die anderen erheblich beschädigt."

KMD Schwarz: "Wenig später trafen die Kirche zwei Brandbomben, von denen die eine über dem linken Seitenschiff das Dach zerschlug, aber weniger Schaden anrichtete, die andere jedoch über der Apsis Dach und Gewölbe durchschlug, ein ca. 50 mal 50 cm großes Loch in die Decke riß und nahe den Stufen in Höhe des Taufsteins feuersprühend weiterbrannte. Dem Hausmeister Olschoewski und Frau Vikarin Martins ist es zu verdanken, daß sie, jede Gefahr mißachtend, diese Phosphorbombe durch Sand ersticken konnten".

 

Turmreparatur

Im Juni 1945 kommen amerikanische Besatzungstruppen nach Berlin. Sie nutzen die Martin-Luther-Gedächtniskirche zeitweise als Garnisonskirche. (Nach 40 Jahren kann sich bei der amerikanischen Stadtkommandantur niemand mehr erinnern.) Dem Requirement dankt die MLGK frühzeitige Bleiverglasung ihrer Kirchenfenster, die den Innenraum vor weiteren Schäden bewahrt.

Im November 1945 gefährden auch Schäden im Kirchendach den Innenraum. (Sie können erst zu Anfang der fünfziger Jahre repariert werden.) Im Oktober 1950 zeigt der rechte Turmpfosten bedenkliche Risse (vermutlich als Folge einer Luftmine, die Kaiserstraße 127 eingeschlagen war) - ein Jahr später will das Bauamt die Kirche sperren.

KMD Schwarz: "Professor Walter Krüger ...... (stellte fest) "...daß mit den üblichen Mitteln eine auf die Dauer befriedigende Lösung nicht zu erreichen sei. Unser Mitarbeiter..." (der Schreiber) "... hatte aber eine Ansichtskarte von der Notre-Dame-Kathedrale in Paris bei sich und wies auf die jalousieartige Verkleidung der Schallöffnung an den dortigen Turmpaaren hin... Krüger veranlaßte daraufhin die selbständige Verkleidung des Turmes mit Kupferblech bis zum Kreuz und ließ die Räume zwischen den Turmpfeilern mit kupferüberzogenen Holzsegmenten gegen die Witterung verschließen". Dieser Verschluß unterstützt überraschend den Glockenklang.

Pfarrer Schachtschneider bittet Prof. Gottfried von Stockhausen, Esslingen, neue Altarfenster zu entwerfen. Dem international bekannten Künstler wird aufgetragen, das sogenannte Präfationsgebet aus der Abendmahlsliturgie ("Recht ist es und wahrhaft würdig... mit allen Engeln und Erzengeln und dem ganzen himmlischen Heere„.") zum Ausgang bildhafter Darstellung zu nehmen. Zunächst weigert sich von Stockhausen, Engel darzustellen. Später reagiert die Gemeinde befremdet. KMD Schwarz: "Gemeindeglieder und Gemeindekirchenrat freuten sich an den frohen Farben, wußten aber mit den Darstellungen...anscheinend nicht viel anzufangen. Die ganz anders gearteten, teilweise biblischen Darstellungen, wie wir sie bis heute in den seitlichen Fenstern der Apsis vor uns haben, fanden ungeteilte Zustimmung."

 

Die Kirche zum 50jährigen Jubiläum (1985)

Inzwischen ist die Martin- Luther- Gedächtniskirche zu groß geworden. Ihren Raum zu nutzen, fällt immer schwerer; schon sie zu heizen, wird teuer. Früher hatten die Gemeindeglieder weder Raum noch Geld, doch schufen sie ihr "Zentrum kirchlicher Arbeit".

Berthold Schwarz: "Man darf heute zurückblickend sagen, daß Gemeinde und Pfarrer in den Jahren der Planung und des Baues dieses Gotteshauses mit beispielloser Liebe und Opferfreudigkeit einen Ort der Andacht und Anbetung mitgeschaffen haben!"

Heute hat die Gemeinde viel Raum und auch immer noch Geld, nur kann sie ihre Gebäude kaum mehr erhalten. Noch gibt es vielseitiges Gemeindeleben, doch sammelt sich dieses immer seltener um Gottes Wort. Die Gottesdienste wirken manchmal wie Gemeindereste in der Rest-Gemeinde.

Inmitten zahlreicher Aktivitäten und großer gemeindlicher Einsatzfreudigkeit fragen aber verschiedene Hauptamtliche, Ehrenamtliche und Gemeindeglieder weiterhin nach den zentralen Aufgaben und Inhalten kirchlicher Arbeit. Vielleicht gilt gerade ihnen - rund um die Martin- Luther- Gedächtniskirche, wie um die alte Dorfkirche in Berlin-Mariendorf - jene biblische Verheißung an die Gemeinde Jesu Christi (Matthäus 16, Vers 18 b): "Die Pforten der Hölle sollen sie nicht überwältigen"?

W.S.